Umgang mit Angst I

"Da durch können" statt "Da durch müssen"

Video aus dem Training mit Missy

Oft hört man den Satz "Der Hund muss da durch." , oder "Der Hund muss merken, dass ihm gar nichts Schlimmes passiert.".

 

Leider ist das leichter gesagt, als getan.
Wenn ein Hund bereits verunsichert ist oder Angst hat, ist es mit dem bewussten verstehen "dass nichts passiert" eine schwierige Sache.

Schuld daran ist das Limbische System.

Das Limbische System bezeichnet eine Funktionseinheit des Gehirns,  die für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist.

 

Zum Limbischen System gehören unter anderem der Hippocampus, dem evolutionär ältesten Bereich des Gehirns und der Mandelkern, der für das Wahrnehmen, Wiedererkennen und Bewerten von Gefahren zuständig ist.

 

Der Mandelkern steuert das Nervensystem, Reflexe, die Ausschüttung von Stresshormonen, bewirkt eine gesteigerte Aufmerksamkeit und einiges mehr.

 

Wird dieser Teil des Gehirns aktiviert, fällt es nicht nur dem Hund sehr schwer, sich "objektiv und rational" mit einer Situation auseinanderzusetzen.
Doch bei Hunden liegt eine ungleich stärkere Tendenz zum reaktionsschnellen Flüchten oder Angreifen bei Wahrnehmung einer Gefahr vor, als bei uns Menschen.

Was ein Hund als gefährlich empfindet, entscheidet nicht der Mensch, sondern der Hund.

 

Ist der Hund also bereits verängstigt, kann er sich schwer oder gar nicht darauf konzentrieren, dass die Situation in Wahrheit überhaupt nicht gefährlich für ihn ist. Sein Gehirn meldet das Gegenteil und konzentriert sich aus Gründen der Überlebenssicherung nur darauf, dem Angstauslöser zu entkommen.

 

 

Wie schaffe ich es nun, meinen Hund an ungefährliche, aber Angst auslösende Situationen heranzuführen, sodass er lernen kann, dass vom Angst auslösenden Reiz gar keine Gefahr ausgeht?

 

 

Indem ich die Gefühle beim Wahrnehmen eines Angstauslösers in angemessener Distanz ins Positive(re) verändere und indem ich ihn keinesfalls zu irgendetwas zwinge, sondern mich seinem Lerntempo anpasse.


Dank des Markertrainings, also des Trainings mithilfe klassisch positiv konditionierter Markersignale, kann ich dafür sorgen, dass sich mein Hund gut, oder zumindest minimal besser fühlt, indem ich diese mit schönen Emotionen und bedürfnisbefriedigenden Belohnungen verknüpften Signale nutze.

 

Ich habe euch ein Video bearbeitet, das eine mögliche Variante des Prozesses sehr gut veranschaulicht.

 

In dem Video geht das Verändern der emotionalen Wahrnehmung sehr schnell, da der Angstauslöser nicht zu stark war, sich nicht bewegte, im Allgemeinen wirklich keinerlei Veränderung stattfand und weil Missy und ich bereits sehr lange auf diese klare und positive Art miteinander kommunizieren.

 

Missy fürchtete sich vor einer Abbiegung in einem unbekannten Gebiet.

 

Das Anschauen von Angstauslösern hat bei uns ein eigenes Signal: "Geh mal gucken". 
Ich möchte, dass mit dem Signal das bewusste Auseinandersetzen mit ihren Ängsten verbunden wird. 
Hierzu ist es wichtig, den frühesten Moment zu nutzen, in dem sie einen verunsichernden Auslöser wahrnimmt.

 

Ist der Hund bereits panisch, reagiert er bereits mit Fluchttendenzen oder angstbedingtem Aggressionsverhalten, muss unbedingt eine Distanz zum Angstauslöser gefunden werden, die groß genug ist, damit der Hund konzentriert denken kann.

Hierzu ist es unerlässlich, die Körpersprache seines Hundes sehr gut lesen zu können. Gegebenenfalls können Videos beim Analysieren der ersten Stressanzeichen behilflich sein, künftige Situationen besser einzuschätzen.


Ich nutze dieses 
Signal nur bei Situationen, die sie (noch) nicht einschätzen kann und in denen ich ein Annähern an den Angstauslöser oder ein Ausweichen nach eigenem Ermessen erzielen möchte.  Es geht nicht primär um eine Umorientierung an mir.

Für sehr konkrete Situationen, wie Hundebegegnungen, Menschenbegegnungen, etc, gibt es ebenfalls jeweils ein eigenes Signal. 

Alles erhält einen eigenen Namen, was in einem konkreten Kontext zu konkreten individuellen Emotionen, Bewertungen und (zu verändernden) Verhaltensweisen führt.

Sobald ein Auslöser mit konkreten, eigenen gedanklichen und emotionalen Strukturen versehen ist, also im Grunde, sobald meine Hündin einen sich wiederholenden Auslöser einschätzen gelernt hat (angepasstes Verhalten), bekommt dieser Auslöser einen eigenen Namen. 
Pferd heißt Pferd, Schafe heißen Schafe, etc.

 

Das Prinzip lässt sich auf jede andere Angst auslösende Situation übertragen. Je nach Auslöser und Reizstärke dauert das Verändern der emotionalen Bewertung Tage, Wochen, vielleicht sehr viele Monate, aber es funktioniert sehr nachhaltig.

 

Das Video ist ingesamt knapp 2 Minuten lang und zeigt eine einminütige Situation zwei mal hintereinander. 
Einmal ohne Erklärung und einmal mit eingeblendeter Erklärung dessen, was in der Situation zu sehen ist.

Viel Spaß beim Zusehen.